Friday, August 24, 2007

Schwierige Stadtentwicklung in Istanbul

In Istanbul wird derzeit kontrovers über den Stadtentwicklungsplan debattiert, der vor zwei Jahren veröffentlicht wurde. Er geht auf ein Gesetz zurück, das historische Bauten schützen und ihre Restaurierung fördern soll. Dieses Gesetz besagt auch, dass privates Eigentum, was als historisch definierten wird, vom Besitzer an die Stadt oder eine von der Stadt beauftragte Firma veräußert werden muss.
Der Stadtentwicklungsplan für Istanbul weist bestimmte Gebiete als historisch aus. Daraufhin werden nun Projekte von halbstaatlichen Firmen oder privaten Trägern entwickelt und umgesetzt. Folgt man Korhan Gümüs, dem Vorsitzenden der Human Settlement Association, dann seien diese Projekte fraglich. Sie werden hinter verschlossenen Türen in der Stadtverwaltung abgesegnet ohne Einbeziehung der Bewohner oder Beachtung lokaler Strukturen. Das Problem sei die Undurchsichtigkeit der Planentwicklung und der Vergabe von Aufträgen. Die Grenze zwischen öffentlichen und ökonomischen Interessen, zwischen Politikern und Bau- bzw. Planungsfirmen verlaufe fließend. Gümüs’ Meinung nach liegt die Schwierigkeit vor allen Dingen darin, dass Planung und Durchführung in den Händen derselben Firma liegen: wer den Plan für ein Viertel entwirft, baut auch die Häuser und verkauft bzw. vermietet sie.
In Istanbul wurden die Gebiete innerhalb der Stadtmauer aus byzantinischer Zeit komplett als „historische“ Altstadt deklariert. Das Viertel Sulukule liegt in diesen Grenzen und fällt damit unter das oben genannte Gesetz. Vor knapp einem Jahr wurde das Stadterneuerungsprojekt Sulukule beschlossen. Demnach soll ein Großteil der ein- bis zweigeschossigen Gebäude abgerissen und durch bis zu fünfgeschossige Bauten ersetzt werden. Gümüs betont, dass lange nicht alle Häuser in Sulukule renovierungs- oder gar abrissbedürftig seien. Die Bewohner haben jedoch keinerlei Rechte, ihr Eigentum zu behalten und falls notwendig zu restaurieren. Wird das Projekt konsequent durchgeführt, dann müssten die derzeitigen Bewohner Sulukule verlassen. Sie erhalten die Möglichkeit am Stadtrand Istanbuls, ca. 2,5 Stunden von der Innenstadt entfernt, Wohnungen zu günstigen Konditionen in neu erbauten Häusern zu erwerben. Dieser Aspekt wird von der Stadt immer wieder hervorgehoben und als besonders sozial dargestellt.
Gümüs kritisiert jedoch diese Haltung. Hier fehle jegliche Einbeziehung der Bevölkerung in die Planung. Weder wurde geprüft, ob sie den Stadtteil überhaupt verlassen wollen, noch ob sie sich den neuen Wohnraum leisten könnten.
Weiterhin betont er, dass den Planungen jeglicher Bezug zu Sulukule fehle. Man könne sich diese Art der Bebauung an jeder anderen Stelle Istanbuls vorstellen. Sie spiegelt weder die historischen, die sozialen noch die gesellschaftlichen Gegebenheiten wider. Es gehe keineswegs darum historische Gebiete zu erhalten, sondern vielmehr sie komplett zu verändern.

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