Kadiköy. Wir sind angekommen auf der asiatischen Seite Istanbuls und hineingestolpert in eine „Berliner WG“. Die Wohnung ist leer, die alten Erasmusler sind am Gehen, die neuen erst am Kommen. Die Tapete an den Wänden, braun gehalten mit gestreiften oder geblümten Muster aus vergangenen Zeiten, zieht uns sofort in ihren Bann. Weiter schweift der Blick in das ehemalige Empfangszimmer, ein zu zwei Seiten mit reichlich Fenstern ausgestatteter Raum, dessen Fischgrätenparkett sofort Bilder von wilden als auch gesitteten Tanzabenden wachruft. Die Wohnung ist zudem mit herrlichen, vereinzelten Möbelstücken versehen. In Berlin kann man so etwas nur in einigen Neuköllner Läden bewundern. Die man sich aber niemals trauen würde zu betreten, geschweige denn ein Möbelstück zu erwerben. Hier steht er nun: ein samtener olivegrüner Sessel, klassisch geschwungen. Auf ihm hebt sich das altrosafarbene Kissen gelungen ab. Fast zu schön, um sich darauf zu setzen. Eine Truhe direkt daneben offenbart in ihrem Inneren ein Filmplakat: ein Mann schmachtet die adrette Dame mit wallendem Haar an.
Ein weiteres, für uns unentbehrliches Element hat die Wohnung: einen großen Balkon. Viel ist möglich an einem Samstagabend in Istanbul! Aber den Balkon ausschlagen? Nein, das können wir nicht! Bei Meti im Laden direkt in der untersten Etage werden einige Bier gekauft. Wir überlegen, ob sechs Bier Metis Vorstellungskraft übersteigt, was deutsche Frauen mit ihnen gesittet anstellen könnten. Ungeachtet dessen und unbesorgt, um unseren guten Ruf, entscheiden wir uns für den Kauf. Meti ist natürlich an unserer Herkunft und hiesigen Bleibe hochinteressiert. „Ah Deutschland!“ Danach versucht Meti uns mit Händen und Füßen zu erklären, dass der Hausbesitzer, ein armenischer Opa, der keine Türken in seiner Wohnung leben lässt, dafür aber blonde deutsche Frauen, gerade bei ihm im Laden zu Besuch ist. Dabei zeigt er aufgeregt abwechselnd auf sich selbst, auf uns und auf einen älteren, grazilen Herrn im Hintergrund. Hätten wir vielleicht doch nur drei Bier nehmen sollen? Zu spät. Der Balkon wartet. Die Sicht reicht auf ein altes, unwiderbringlich verrottetes Holzhaus direkt neben uns; auf eine Schneiderei „Bahariye Terzisi: Nevzat – Ahmet“ im gegenüberliegenden ersten Stockwerk, wo Männer abwechselnd mit Rauchen, Bauchwackeln und Nähen beschäftigt sind; auf ein ominöses „Otoparki“ Unternehmen, der lokale Drogenumschlagplatz und Kismets Allerlei-Laden.
Einige Meter weiter den Berg hinab blinkt die Werbung für ein Sonnenstudio rotblau. Eine im sommerlichen Istanbul wohl überflüssige Einrichtung. Kismets Laden ist in direkter Sicht und rückt sich damit wie von selbst ins Zentrum unserer Observation. Kismet sitzt vor der Ladentür und hat uns natürlich schon längst bemerkt und begutachtet.
Viel ist nicht los. Die Kunden strömen an diesem Abend nicht gerade in seinen Laden, zu Hochzeiten befinden sich vielleicht vier Leute dort. Einmal gehen zwei türkische Frauen bei ihm Efes kaufen. Wir staunen nicht schlecht. Vereinzelt sind hektische Kaufaktionen zu beobachten. Eine Person stürzt hinein und ohne viele Worte wechseln Bier oder Zigaretten den Besitzer. Alkohol wird selbstverständlich in eine schwarze blickdichte Plastiktüte verpackt. Danach ist wieder alles ruhig. Kismet kann wieder entspannt vor seinem Laden sitzen, entweder uns oder die leere Straße beobachten.
Seine Langeweile wird nur von grölenden Stimmen in der Ferne unterbrochen: Fußball. Das Stadium befindet sich ein paar Gehminuten von unserem heißen Beobachtungsposten entfernt. In der Halbzeit vernehmen wir ein seltsam bekanntes Lied. Ach ja, das haben wir letzten Sommer schon gehört: Grönemeyers WM-Hymne.
No comments:
Post a Comment