Friday, September 7, 2007
Abschlussvision
Bevor wir uns mit dem Orientexpress und anschließend mit dem Balkanexpress bei 40kmh Durchschnittsgeschwindigkeit durch Europa in den Herbst hinein schlängeln, bleibt uns noch ein warmer Abend in Istanbul. Jetzt haben wir auch eine Kneipe in Taksim mit billigem Bier gefunden. Begeistert von der Stadt und der Offenheit der Menschen, die wir getroffen haben, entspinnt sich eine Idee, wie wir Istanbul und Berlin zusammenbringen könnten. Stadtplaner, Bürgerinitiativen, Straßenkünstler in Istanbul und Berlin, sie könnten sich gegenseitig bereichern und inspirieren. Die Vision ist ein Treffen mit engagierten, kreativen Menschen aus beiden Städten zu organisieren, die mit ihrer Energie das urbane Zusammenleben vorantreiben. Wir konnten auf unserer kurzen Reise durch Istanbul erfahren, dass es hier wie in Berlin gleiche Vorstellungen von Verbesserungen des städtischen Lebens gibt, jedoch auf unterschiedlicher Basis. In Istanbul ist der integrierende Weg ein ebenso langwieriger und mühsamer, jedoch notwendiger wie in Berlin. Menschen, die sich hier wie dort auf diesen Pfaden bewegen, könnten sich viel erzählen, austauschen und miteinander lernen.
Friday, August 24, 2007
Straßenkunst in Istanbul
Wir haben auf den Straßen Istanbuls mit Begeisterung einige wundervolle geklebte, gesprühte und gemalte Bilder an Hauswänden und Straßenlaternen entdecken können. Hier ein paar Fotos von ihnen. Wer einen weiteren Einblick in die Szene bekommen möchte: Vom 31. August bist zum 2.September gibt es ein Streetartfestival im Stadtteil Beyoglu!






Schwierige Stadtentwicklung in Istanbul
In Istanbul wird derzeit kontrovers über den Stadtentwicklungsplan debattiert, der vor zwei Jahren veröffentlicht wurde. Er geht auf ein Gesetz zurück, das historische Bauten schützen und ihre Restaurierung fördern soll. Dieses Gesetz besagt auch, dass privates Eigentum, was als historisch definierten wird, vom Besitzer an die Stadt oder eine von der Stadt beauftragte Firma veräußert werden muss.
Der Stadtentwicklungsplan für Istanbul weist bestimmte Gebiete als historisch aus. Daraufhin werden nun Projekte von halbstaatlichen Firmen oder privaten Trägern entwickelt und umgesetzt. Folgt man Korhan Gümüs, dem Vorsitzenden der Human Settlement Association, dann seien diese Projekte fraglich. Sie werden hinter verschlossenen Türen in der Stadtverwaltung abgesegnet ohne Einbeziehung der Bewohner oder Beachtung lokaler Strukturen. Das Problem sei die Undurchsichtigkeit der Planentwicklung und der Vergabe von Aufträgen. Die Grenze zwischen öffentlichen und ökonomischen Interessen, zwischen Politikern und Bau- bzw. Planungsfirmen verlaufe fließend. Gümüs’ Meinung nach liegt die Schwierigkeit vor allen Dingen darin, dass Planung und Durchführung in den Händen derselben Firma liegen: wer den Plan für ein Viertel entwirft, baut auch die Häuser und verkauft bzw. vermietet sie.
In Istanbul wurden die Gebiete innerhalb der Stadtmauer aus byzantinischer Zeit komplett als „historische“ Altstadt deklariert. Das Viertel Sulukule liegt in diesen Grenzen und fällt damit unter das oben genannte Gesetz. Vor knapp einem Jahr wurde das Stadterneuerungsprojekt Sulukule beschlossen. Demnach soll ein Großteil der ein- bis zweigeschossigen Gebäude abgerissen und durch bis zu fünfgeschossige Bauten ersetzt werden. Gümüs betont, dass lange nicht alle Häuser in Sulukule renovierungs- oder gar abrissbedürftig seien. Die Bewohner haben jedoch keinerlei Rechte, ihr Eigentum zu behalten und falls notwendig zu restaurieren. Wird das Projekt konsequent durchgeführt, dann müssten die derzeitigen Bewohner Sulukule verlassen. Sie erhalten die Möglichkeit am Stadtrand Istanbuls, ca. 2,5 Stunden von der Innenstadt entfernt, Wohnungen zu günstigen Konditionen in neu erbauten Häusern zu erwerben. Dieser Aspekt wird von der Stadt immer wieder hervorgehoben und als besonders sozial dargestellt.
Gümüs kritisiert jedoch diese Haltung. Hier fehle jegliche Einbeziehung der Bevölkerung in die Planung. Weder wurde geprüft, ob sie den Stadtteil überhaupt verlassen wollen, noch ob sie sich den neuen Wohnraum leisten könnten.
Weiterhin betont er, dass den Planungen jeglicher Bezug zu Sulukule fehle. Man könne sich diese Art der Bebauung an jeder anderen Stelle Istanbuls vorstellen. Sie spiegelt weder die historischen, die sozialen noch die gesellschaftlichen Gegebenheiten wider. Es gehe keineswegs darum historische Gebiete zu erhalten, sondern vielmehr sie komplett zu verändern.
Der Stadtentwicklungsplan für Istanbul weist bestimmte Gebiete als historisch aus. Daraufhin werden nun Projekte von halbstaatlichen Firmen oder privaten Trägern entwickelt und umgesetzt. Folgt man Korhan Gümüs, dem Vorsitzenden der Human Settlement Association, dann seien diese Projekte fraglich. Sie werden hinter verschlossenen Türen in der Stadtverwaltung abgesegnet ohne Einbeziehung der Bewohner oder Beachtung lokaler Strukturen. Das Problem sei die Undurchsichtigkeit der Planentwicklung und der Vergabe von Aufträgen. Die Grenze zwischen öffentlichen und ökonomischen Interessen, zwischen Politikern und Bau- bzw. Planungsfirmen verlaufe fließend. Gümüs’ Meinung nach liegt die Schwierigkeit vor allen Dingen darin, dass Planung und Durchführung in den Händen derselben Firma liegen: wer den Plan für ein Viertel entwirft, baut auch die Häuser und verkauft bzw. vermietet sie.
In Istanbul wurden die Gebiete innerhalb der Stadtmauer aus byzantinischer Zeit komplett als „historische“ Altstadt deklariert. Das Viertel Sulukule liegt in diesen Grenzen und fällt damit unter das oben genannte Gesetz. Vor knapp einem Jahr wurde das Stadterneuerungsprojekt Sulukule beschlossen. Demnach soll ein Großteil der ein- bis zweigeschossigen Gebäude abgerissen und durch bis zu fünfgeschossige Bauten ersetzt werden. Gümüs betont, dass lange nicht alle Häuser in Sulukule renovierungs- oder gar abrissbedürftig seien. Die Bewohner haben jedoch keinerlei Rechte, ihr Eigentum zu behalten und falls notwendig zu restaurieren. Wird das Projekt konsequent durchgeführt, dann müssten die derzeitigen Bewohner Sulukule verlassen. Sie erhalten die Möglichkeit am Stadtrand Istanbuls, ca. 2,5 Stunden von der Innenstadt entfernt, Wohnungen zu günstigen Konditionen in neu erbauten Häusern zu erwerben. Dieser Aspekt wird von der Stadt immer wieder hervorgehoben und als besonders sozial dargestellt.
Gümüs kritisiert jedoch diese Haltung. Hier fehle jegliche Einbeziehung der Bevölkerung in die Planung. Weder wurde geprüft, ob sie den Stadtteil überhaupt verlassen wollen, noch ob sie sich den neuen Wohnraum leisten könnten.
Weiterhin betont er, dass den Planungen jeglicher Bezug zu Sulukule fehle. Man könne sich diese Art der Bebauung an jeder anderen Stelle Istanbuls vorstellen. Sie spiegelt weder die historischen, die sozialen noch die gesellschaftlichen Gegebenheiten wider. Es gehe keineswegs darum historische Gebiete zu erhalten, sondern vielmehr sie komplett zu verändern.
Thursday, August 23, 2007
Wednesday, August 22, 2007
Einwohnerbefragung in Sulukule
Ein Café in Sulukule. Es gibt einen überdachten Vorbau mit ein paar Tischen. An ihnen sitzen Backgammon spielende Männer. Und wie überall in Istanbul sind auch hier Katzen Teil des Szenarios. Wir trinken Chai zusammen mit Aylin Akdeniz (Accessible Life Association) und Zinnure (Studentin an der Yildiz Technical University). Der Aschenbecher an unserem Tisch füllt sich in Windeseile während wir auf Tolga Islam warten. Er ist Assistent am Institut für Stadt und Regionalplanung der Yildiz Technical University. Gemeinsam mit der Human Settlement Association und der Sulukule Romani Culture and Solidarity Association wurde ein Fragebogen für Sulukule entwickelt. Das Resultat soll einer Expertenkommission vorgelegt werden. Diese entscheidet im Zuge der Planung zur Stadterneuerung über die weiteren Entwicklungen des Viertels Fatih und somit auch über den Abriss von Sulukule.
Schließlich nährt sich Tolga Islam mit hektischen Schritten, seine Energie ist mitreißend. Er holte den Fragebogen aus der Tasche und beginnt eine lebhafte Diskussion. Es ist ein mutiges Unterfangen, was sie vorhaben, über 100 Fragen sollen die Bewohner beantworten. Man kann die Schwierigkeiten bei der Auswertung erahnen. Doch die Motivation der drei ist unglaublich. Heiß wird darüber diskutiert, wie die Erhebung erfolgen soll. Das Problem ist, und hier stößt man an die Grenzen wissenschaftlicher Kategorien, dass oft mehrere Familien in äußerst beengten Verhältnissen in einem Haus zusammen wohnen. Sollte man sie als einen Haushalt auffassen oder doch lieber getrennt betrachten? Und wenn die Entscheidung zu Gunsten nur eines Fragebogens pro Haus fällt, wer ist dann der Vorstand des Haushalts? Ebenso kann kein genauer repräsentativer Stichprobenumfang festgelegt werden, da die Einwohnerzahl Sulukules nicht einmal annähernd bekannt ist. Es sollen nun knapp 500 Haushalte befragt werden.
Die Diskussion ist festgefahren und da man keine Einigung erzielen kann, erheben sich alle, um kurz entschlossen den ersten Durchlauf zu starten und das Gespräch mit den ersten Erfahrungen später fortzusetzen.
Schließlich nährt sich Tolga Islam mit hektischen Schritten, seine Energie ist mitreißend. Er holte den Fragebogen aus der Tasche und beginnt eine lebhafte Diskussion. Es ist ein mutiges Unterfangen, was sie vorhaben, über 100 Fragen sollen die Bewohner beantworten. Man kann die Schwierigkeiten bei der Auswertung erahnen. Doch die Motivation der drei ist unglaublich. Heiß wird darüber diskutiert, wie die Erhebung erfolgen soll. Das Problem ist, und hier stößt man an die Grenzen wissenschaftlicher Kategorien, dass oft mehrere Familien in äußerst beengten Verhältnissen in einem Haus zusammen wohnen. Sollte man sie als einen Haushalt auffassen oder doch lieber getrennt betrachten? Und wenn die Entscheidung zu Gunsten nur eines Fragebogens pro Haus fällt, wer ist dann der Vorstand des Haushalts? Ebenso kann kein genauer repräsentativer Stichprobenumfang festgelegt werden, da die Einwohnerzahl Sulukules nicht einmal annähernd bekannt ist. Es sollen nun knapp 500 Haushalte befragt werden.
Die Diskussion ist festgefahren und da man keine Einigung erzielen kann, erheben sich alle, um kurz entschlossen den ersten Durchlauf zu starten und das Gespräch mit den ersten Erfahrungen später fortzusetzen.
Eindrücke von Sulukule
Die Straßenbahn Richtung Westen nach Zeytinburnu im europäischen Teil Istanbuls hält direkt hinter der Stadtmauer der Istanbuler Altstadt in Topkapi. Vor deren Toren windet sich ein beeindruckendes Asphaltnetz in der Landschaft und verläuft, stark frequentiert von Autos und Bussen parallel zu ihr entlang. Fasziniert von diesem Ort im Nichts schlängeln wir uns durch Unterführungen in die Altstadt hinein und finden den Weg nach Sulukule, das Gebiet in dem der Abriss von knapp 500 Häusern im Zuge des Stadterneuerungsplans von 2006 beschlossen wurde. Am Rande der Altstadt ist eine Armut anzutreffen, mit der wir nicht gerechnet haben. Wie sooft in den letzten Tagen haben wir das Gefühl in einer vollkommen neuen Stadt anzukommen.
Die Caddesi Hocacakir ist ruhig, es gibt nur wenige Autos hier. Die Häuser zeugen von Erfindungsreichtum um Schnee, Regen und Wind außen vor zu lassen. Die Löcher in den Wellblechdächern werden mit Steinen gestopft, die maroden Holzfassaden mit Blech beschlagen. Wir passieren einen Schutthaufen auf dem offensichtlich einmal Häuser standen. Unser Verdacht wird bestätigt: sie wurden im Zuge des Erneuerungsplans von der Stadt abgerissen. Auf diesem ersten Streifzug formt sich ein weiterer Eindruck: Es gibt in Sulukule einen enormen Zusammenhalt in der Bevölkerung. Die Nebenstraßen eröffnen den Blick auf ein reges Miteinander, wo jeder jeden zu kennen scheint. Am ersten Tag belassen wir es mit dem Streifzug an der Stadtmauer entlang und werfen nur neugierige Blicke in die Gassen.
Die Caddesi Hocacakir ist ruhig, es gibt nur wenige Autos hier. Die Häuser zeugen von Erfindungsreichtum um Schnee, Regen und Wind außen vor zu lassen. Die Löcher in den Wellblechdächern werden mit Steinen gestopft, die maroden Holzfassaden mit Blech beschlagen. Wir passieren einen Schutthaufen auf dem offensichtlich einmal Häuser standen. Unser Verdacht wird bestätigt: sie wurden im Zuge des Erneuerungsplans von der Stadt abgerissen. Auf diesem ersten Streifzug formt sich ein weiterer Eindruck: Es gibt in Sulukule einen enormen Zusammenhalt in der Bevölkerung. Die Nebenstraßen eröffnen den Blick auf ein reges Miteinander, wo jeder jeden zu kennen scheint. Am ersten Tag belassen wir es mit dem Streifzug an der Stadtmauer entlang und werfen nur neugierige Blicke in die Gassen.
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Monday, August 20, 2007
Unser Touri-Dasein
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